{"title":"Der tiefe Fall nach dem Höhenflug: Love is Dead von CHVRCHES","slug":"chvrches-love-is-dead-review","url":"https://www.romanjasiek.de/chvrches-love-is-dead-review/","published_at":"2018-05-23T08:43:00.000Z","updated_at":"2026-09-22T20:20:43.000Z","excerpt":"Manchmal bin ich einfach ratlos. Ich höre mir ein Album einer Band an, die ich gerne mag und deren Entwicklung ich schon seit ungefähr immer verfolge, und frage mich, was genau eigentlich da nicht mehr passt zwischen uns. Das passiert in den letzten Jahren erstaunlich oft beim dritten Album. Und das, wo es doch immer heißt, das zweite sei immer das schwierigste. Mir kommt das dritte HURTS-Album Surrender in den Sinn, dem so sehr die Sonne aus dem Hintern schien und das musikalisch derart belangl","meta_description":null,"html":"<p>Manchmal bin ich einfach ratlos. Ich höre mir ein Album einer Band an, die ich gerne mag und deren Entwicklung ich schon seit ungefähr immer verfolge, und frage mich, was genau eigentlich da nicht mehr passt zwischen uns. Das passiert in den letzten Jahren erstaunlich oft beim dritten Album. Und das, wo es doch immer heißt, das zweite sei immer das schwierigste. Mir kommt das dritte <a href=\"https://www.romanjasiek.de/grosse-erwartungen-grossere-enttauschungen-surrender-von-h/\" rel=\"noreferrer\"><strong>HURTS-Album</strong> <strong>Surrender</strong></a> in den Sinn, dem so sehr die Sonne aus dem Hintern schien und das musikalisch derart belanglos war, dass es mich immer noch ärgert, meine Zeit damit verschwendet zu haben. Nachfolgend geht es mir aber nicht um <strong>HURTS</strong>. Dafür aber eine Band, die musikalisch in ähnlichen Fahrwassern unterwegs ist und die sich ebenfalls beim dritten Album alle Mühe gibt, mich als Hörer zu verlieren. Die Rede ist vom <strong>Glasgower Trio CHVRCHES</strong>, das mit <strong>Love Is Dead</strong> sein jüngstes Album an den Start bringt. Ein Album, das mich auch ratlos macht. Ich frage mich, was passiert ist&nbsp;– entweder mit <strong>CHVRCHES</strong> oder mit mir.</p><p>Dabei fängt alles eigentlich ganz prima an auf diesem Album.&nbsp;<strong>Lauren Mayberry</strong>,&nbsp;<strong>Iain Cook</strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Martin Doherty</strong> steigen ein mit <strong>Graffity</strong>, einem Song, der noch am ehesten das typische&nbsp;<strong>CHVRCHES-Feeling</strong> transportiert.&nbsp;Lauren&nbsp;und ihre Jungs, die während der Entstehung der Lyrics dieses Mal erstmals ständig zusammen waren, besingen hier dieses wehmütige Gefühl, das wir alle kennen, wenn wir erwachsen werden und auf vergangene Zeiten zurückblicken. Auf die scheinbar endlosen Sommerferien beispielsweise, auf die Tage und Wochen unmittelbar nach dem Schulabschluss, auf die unendlich vielen Möglichkeiten, die vor einem lagen&nbsp;– nur der Himmel schien die Grenze zu sein. Nicht alle Träume sind wahr geworden.&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;sagt über diesen Song: »Es geht darum, aufzuwachsen und zu realisieren, dass die Dinge sich nicht so entwickelt haben, wie du es erwartet hattest. Das Gefühl von ‚Stand By Me‘: ‚Ich hatte nie wieder so gute Freunde, wie ich sie mit zwölf hatte. Ernsthaft. Du etwa?« Ja,&nbsp;<strong>Lauren</strong>. Tatsächlich haben sich die besten Freundschaften erst sehr viel später entwickelt. Aber das ist ein anderes Thema.</p><p>Es gefällt mir, dass sich&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;in die Schuhe zwängen, wie sie dereinst&nbsp;<strong>Madonna</strong>&nbsp;trug, als sie <strong>Like A Prayer</strong> auf die Welt losgelassen hatte. <strong>Deliverance</strong> heißt der Beitrag der <strong>Glasgower</strong> in dieser Hinsicht und hier ist es&nbsp;<strong>Iain</strong>, der eine Erklärung dazu bereit hält: »Im Radio hörst du heute niemanden mehr über die Heuchlerei von Religion singen. Aber das ist doch das, was daran so spannend ist. Wir haben beim Schreiben des Stücks an ‚Like A Prayer‘ von Madonna, an Nick Cave und Depeche Modes ‚Songs Of Faith And Devotion‘ gedacht.« Daran gedacht vielleicht. Textlich ist es auch noch in Ordnung, wenn&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;beispielsweise singt: »Careful when you’re swimming in the holy water, drowning in your believes.« Leider musikalisch aber eine von etlichen Nieten dieses Albums. Dass man sich ein bisschen an den 80ern orientiert&nbsp;– geschenkt, das haben&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;schließlich schon immer getan. Und ehrlich, das will man ja auch so haben. Aber die Art und Weise, wie&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;ihre Stimme in Höhen zwingt, für die sie offenkundig nicht geeignet ist, erhöht den Nerv-Faktor so derart, dass ich wirklich Schwierigkeiten habe, diesen Song nicht zu überspringen. Er nervt hart.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-1.jpg\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"2000\" height=\"1333\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-1.jpg 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-1.jpg 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1600/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-1.jpg 1600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w2400/2026/09/chvrches-pressebilder-2018-1.jpg 2400w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Danny Clinch</span></figcaption></figure><p>Gleiches passiert bei <strong>Graves</strong>, einem zur Abwechslung mal politischen Song. Mag sein, dass sich das Trio während seines Schreibprozesses den Zustand in der Welt genauso kopfschüttelnd angeschaut hat wie der Rest von uns und sich daraufhin motiviert fühlte, einen Song darüber zu machen. Aber muss es musikalisch dabei so ein Getüdel sein, das bei&nbsp;<strong>Ellie Goulding</strong>&nbsp;und ähnlichen in der Schublade vergammelt wäre? Einem Getüdel, mit dem die&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;seinerzeit niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt hätten?</p><p>Den inhaltlich größten Moment hat <strong>Love Is Dead</strong> im Stück <strong>Heaven/Hell</strong>, dem musikalischen <strong>#MeToo</strong>, in welchem sich&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;mit Frauenfeindlichkeit und Sexismus auseinandersetzt&nbsp;– ein Problem, dem sie seit jeher ausgesetzt ist. Sie sagt: »Ich war 23, als ich Iain traf, und 24, als wir die Band gründeten. Jetzt bin ich 30. Ich bin quasi vor den Augen der Leute aufgewachsen. Mich hat die Angst immer begleitet. Als Frau in der Öffentlichkeit, und vor allem als Frau in der Entertainmentbranche. Ich weiß, wie die Menschen über dich reden, wie sie dich wahrnehmen. Noch bevor die erste Platte auf dem Markt war, konnte ich all die Monster in den Bäumen sehen. Einige von ihnen wurden real, andere nicht.«&nbsp;Iain&nbsp;ergänzt: »Ich denke, es ist gesund, dass das Thema Sexismus nun im Mainstream angekommen ist. Aber noch vor fünf Jahren wurde Lauren fast dafür geschlachtet, Dinge zu sagen, die jetzt überall gesagt werden. Lauren hat sich gegen dieses Benehmen von Tag eins an gewehrt.«&nbsp;<strong>Lauren</strong>&nbsp;hat sich immer schon deutlich gewehrt, wenn Grenzen überschritten wurden. Es bleibt zu hoffen, dass sie damit andere Betroffene ebenfalls ermutigt, aufzustehen und sich zu wehren.</p><p>Darüber hinaus gut gelungen sind dem Trio auch die Stücke <strong>My Enemy</strong> und <strong>God’s Plan</strong>, ersteres entstanden in Zusammenarbeit mit&nbsp;<strong>The-National-Frontmann&nbsp;Matt Berninger</strong>. Beides ganz tolle, wunderbar düstere und melancholische Songs, die vor allem deshalb so Eindruck schinden, weil sie aus dem Rest des Albums herausragen. Was auch irgendwie eine Aussage ist. Ach, hätte es davon doch nur mehr gegeben und nicht so viel von diesem klebrigen Hochglanz-Pop, den ich einfach nicht mit dem früheren Tun der&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;in Einklang bringen kann. Das sind zwei so grundverschiedene Paar Schuhe, die mit&nbsp;üblicher Weiterentwicklung&nbsp;nicht zu erklären sind.</p><p>Vielleicht hätte sich das Trio nicht&nbsp;<strong>Dave Stewart</strong>&nbsp;(<strong>The Eurythmics</strong>) als Mentor suchen sollen. Oder vielleicht hätten sie nicht 8 der immerhin 13 Titel von&nbsp;<strong>Greg Kurstin</strong>&nbsp;(u.&nbsp;a.&nbsp;<strong>Sia</strong>&nbsp;oder&nbsp;<strong>Adele</strong>) produzieren lassen sollen. Wessen Handschrift die meisten der auf <strong>Love Is Dead</strong> versammelten Songs auch immer tragen mögen&nbsp;– es ist hörbar nicht die von&nbsp;<strong>Lauren</strong>,&nbsp;<strong>Iain</strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>Martin</strong>. Von&nbsp;<strong>Greg Kurstin</strong>&nbsp;stammt folgende Aussage: »Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack, und so fanden wir im Schreibprozess extrem schnell zusammen. Ich konnte all die Dinge hervorholen, die ich sonst nie benutzen kann.« Mich beschleicht das Gefühl, dass er diese besagten Dinge besser stecken gelassen hätte. Früher produzierte die Band alles im Alleingang. Das Zepter aus der Hand zu geben, war schon so manches Mal eine wirklich beschissene Idee. So auch hier.&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;im Jahr 2018 haben, wie erwähnt, musikalisch nicht mehr viel mit dem gemeinsam, weswegen sich Hörer anspruchsvoller, immer auch ein bisschen melancholischer Synthie-Mucke dereinst in diese Band verliebten.&nbsp;<strong>Martin</strong>&nbsp;sagt: »Es macht mehr Sinn als alles, was wir zuvor gemacht haben, denn es repräsentiert uns zu 100 Prozent. Wir hatten immer diese sehr schwierige Seite an uns –&nbsp;künstlerisch, introspektiv und wütend, und dann haben wir am Ende dennoch sehr kommerzielle Musik daraus gemacht. Als wir im Vorfeld über das dritte Album sprachen, machten wir uns diese zwei Seiten unserer Band klar. Mit „Love Is Dead“<strong> </strong>haben wir den Anreiz ausgeweitet, aber es gibt durchaus Momente, die weitaus komplexer sind als alles, was wir zuvor produziert haben.« Dem möchte ich ausdrücklich widersprechen.</p><p>Tatsächlich wirken die meisten Songs eben&nbsp;nicht&nbsp;komplexer, sondern viel glatt gebügelter als je zuvor. In Stücken wie <strong>Get Out</strong> oder <strong>Graffity</strong> klingt noch ein bisschen der&nbsp;<strong>CHVRCHES-Sound</strong> der ersten beiden Alben durch. Aber anstatt den Weg weiterzugehen und die Texte, die durchaus Anspruch und Aussage haben, entsprechend einzubetten, ergeht man sich in unnötigen Experimenten, die im abschließenden <strong>Wonderland</strong> in albernen&nbsp;<strong>New-Order-Zitaten</strong> gipfeln.</p><p>Es gibt Sätze, die sind einfach zu wahr und zu treffend, um sie nicht zu verwenden. Ganz zum Ende des begleitenden Pressetextes, an welchem noch einmal zusammengefasst wird, dass <strong>Love Is Dead</strong> das Erwachsenwerden behandelt sowie den Umstand, dass es eine Sache niemals ohne eine andere gibt, wird&nbsp;<strong>Iain</strong>&nbsp;mit einem angeblichen Lächeln auf den Lippen wie folgt zitiert: »Wir werden gefickt, die Welt ist gefickt. Aber am Ende ist alles eine Ellipse. Es ist „Love Is Dead“… Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Und wie kommen wir von diesem Punkt wieder fort? Es ist „Love Is Dead“, wir sind gefickt, was kommt als Nächstes?« Ich glaube,&nbsp;<strong>Iain</strong>&nbsp;ist sich gar nicht wirklich im Klaren darüber, wie sehr er hier den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich weiß auch nicht, wie&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;von dem Punkt, an dem sie sich nun befinden, wieder wegkommen sollen. Aber ich hoffe sehr, dass es ihnen gelingt. Und dass diese Ellipse, von der&nbsp;<strong>Iain</strong> da spricht, mit <strong>Love Is Dead</strong> ihren Scheitelpunkt erreicht hat und sich die Band musikalisch wieder auf weniger belanglose Bahnen bewegen wird. Bis dahin bleibe ich ratlos zurück und frage mich weiterhin, was genau passiert ist. Ob <strong>Love Is Dead</strong> der logische Schritt beim sogenannten Erwachsenwerden ist, ob&nbsp;<strong>CHVRCHES</strong>&nbsp;vielleicht immer schon so hätten klingen wollen, wenn sie die Möglichkeiten gehabt hätten, oder ob wir uns schlicht auseinandergelebt haben. Momentan ist dieses dritte Album der <strong>Schotten</strong> die größte Enttäuschung des Jahres.</p><p>Ich habe mich wirklich sehr auf <strong>Love Is Dead</strong> gefreut. Aber eigentlich hätte ich schon skeptisch werden müssen, dass <strong>CHVRCHES</strong> im Zuge der ersten Promo-Maßnahmen sämtliche frühere Inhalte ihrer sozialen Netzwerke gelöscht hatten – und das sicher nicht wegen der <strong>DSGVO</strong>. Mit dem Wissen um den Inhalt des mir nun vorliegenden dritten Albums <strong>Love Is Dead</strong> wirkt es rückblickend so, als hätten sie die Vergangenheit, die so tolle Songs, <strong>EPs</strong> und zwei sensationelle erste Alben beinhaltete, auslöschen wollen. Es macht mich betroffen und traurig, dass sich <strong>CHVRCHES</strong> mit diesem Album so sehr auf belanglosen 0815-Pop festgenagelt und nicht nur einmal die Nervtöter-Grenze weit überschritten haben. Die Inhalte hier sind gut und schön, dagegen ist nichts einzuwenden, auch wenn mich <strong>Laurens</strong> belehrende&nbsp;You have das-&nbsp;und&nbsp;You don’t jenes-Belehrungen inzwischen auch abtörnen. Aber wenn die stärksten Momente dieses Albums die sind, die nicht mehr nach <strong>CHVRCHES</strong> klingen – und zum Glück auch nicht nach <strong>Ellie Goulding</strong> und all den anderen Pop-Sirenchen, denen die <strong>Glasgower</strong> hier offensichtlich das Wasser abgraben wollen&nbsp;–, dann läuft irgendwas schief. <strong>Love Is Dead</strong>? Stimmt. Die Zeit bzw. das nächste Album wird zeigen, ob <strong>CHVRCHES</strong> und ich noch einmal zusammenfinden werden. Momentan aber bleibt es bei <strong>Iains Aussage</strong>:&nbsp;»Es ist „Love Is Dead“, wir sind gefickt, was kommt als Nächstes?«</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches-loveisdead.jpg\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"1500\" height=\"1500\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/09/chvrches-loveisdead.jpg 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/09/chvrches-loveisdead.jpg 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches-loveisdead.jpg 1500w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Universal Music</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/chvrches-pressebilder-2018.jpg","archived_at":"2026-09-22T20:20:43.929Z"}